Scheuklappenblick oder Solange du mitmachst – Mein Jahr im Network Marketing 

Sport treiben, sich gesund ernähren, das einfach bei Facebook mit seinen Freunden teilen und somit Geld nebenbei dazu verdienen. Das klang wirklich gut. Doch nun habe ich Schluss gemacht. Schluss mit Multi-Level-Marketing. Heute möchte ich euch erzählen, wie mein Jahr in dieser Branche war und wie ich nun über alles denke.

Ich habe Schluss gemacht. Schluss mit Multi-Level-Marketing. Und das schon vor einigen Monaten. Für alle, die noch nicht wissen, was das genau ist – hier die Definition des Gabler Wirtschaftslexikons:

„Form des Direktvertriebs, bei der bereits für ein Unternehmen tätige Verkäufer weitere Verkaufsmitarbeiter gewinnen (Subunternehmer) und die Vergütungen der Verkäufer der Vorstufen von der Verkaufstätigkeit der nachgelagerten Verkäuferstufen abhängig ist. Im Gegensatz zum Schneeballsystem werden die Verkäufer nicht zur Abnahme von Waren bzw. zur Haltung von Lagerbeständen verpflichtet und es besteht ein Rückgaberecht der nicht abgesetzten Waren.“ ¹

Über meinen damaligen Freund habe ich die Firma Juice Plus und ihr Geschäftsmodell kennengelernt. Es werden Nahrungsergänzungsmittel vertrieben, die auch zur Gewichtsabnahme oder zum Muskelaufbau verwendet werden können.
Sport treiben, sich gesund ernähren, das einfach bei Facebook mit seinen Freunden teilen und somit Geld nebenbei dazu verdienen. Das klang wirklich gut, denn mit Fitness und Ernährung hatte ich mich eh schon seit einigen Jahren beschäftigt. Kurzerhand wurde ich online für eine Franchise-Gebühr von 100€ registriert. Keine Unterschrift. Ein Klick genügt.
Dann wurden mir die Produkte vorgestellt – alles virtuell. Man könne diese natürlich nur weiterempfehlen, wenn man sie selbst auch verwende, wird mir ans Herz gelegt und so bestellte ich mir einige direkt mal dazu.
Unser Team bestand aus mehreren hundert Leuten und in Gruppen bei WhatsApp wurden den ganzen Tag über Fragen beantwortet oder Informationen ausgetauscht. Meetings führten wir über Videoanrufe. Alle waren sehr nett und ich fühlte mich von Beginn an dazugehörig.
Die ersten Monate beschränkten sich meine Kunden auf mich, ein Familienmitglied und ein paar Bekannte. Aber ich bin zielstrebig und so machte ich weiter.

Weiter – womit denn überhaupt? Was genau habe ich denn eigentlich gemacht?
Hauptsächlich habe ich die Plattformen Facebook und Instagram verwendet, auf denen ich täglich mehrere Fotos von Shakes, der Trainingseinheit oder unseren Arbeitsplätzen, wie die Couch, das Bett oder einem Café geteilt habe. Gleichzeitig habe ich neue „Freunde“ hinzugefügt und sie meistens zunächst sehr indirekt angeschrieben. Doch ich muss wirklich sagen, dass ich in meiner Arbeit aufging. Ich konnte meine Kreativität und meine Hobbys, wie fotografieren oder filmen ausleben, ich lernte durch meine Live Videos, frei zu sprechen und bekam immer wieder die Bestätigung, dass ich für andere sehr inspirierend und motivierend sei.

Um es ein wenig zu verkürzen: Im Laufe des Jahres habe ich immer ein bisschen mehr Kunden dazu gewonnen. Meinem Team traten durchgehend Leute bei bzw. verließen es wieder. Von denen die blieben, nahm jedoch fast niemand das Ganze so ernst wie ich und so habe ich die erste Hälfte des Jahres mehr oder weniger alleine für mich gearbeitet.
Als sich das Jahr dem Ende zu neigte, stellte sich heraus, dass die große Gruppe, die in mein Team gekommen war, höchstwahrscheinlich einen riesigen Betrug verübt hat. Ich wurde für einige Wochen gesperrt und bekam dadurch zwangsläufig ein bisschen Zeit, um einmal aufzuatmen. Die letzten paar Monate hatte ich nur noch gearbeitet. Mein eigener Sport, meine Freundschaften und auch meine Familie litten sehr darunter. Aber so sei das eben, wenn man hart für seinen Erfolg arbeiten würde.
Ich nutzte diese Wochen, um sehr gründlich über alles nachzudenken. Es war definitiv nicht das erste Mal, dass ich Zweifel hatte, ob das wirklich das Richtige für mich war. Ich hatte schon oft über einige Punkte nachgedacht und mich mit einem Menschen des ganzen Teams darüber ausgetauscht. Mit den anderen war eine vernünftige Diskussion nicht vorzustellen, da sie zu tausend Prozent hinter dem Marketingkonzept und den Produkten standen und auf jeden Einwand direkt die passende Antwort hatten.
Ich bin so ein Mensch, der etwas entweder ganz oder gar nicht macht. Und schon einige Tage, nach dem ich gesperrt wurde, war mir innerlich klar, dass ich es nicht mehr weitermachen werde. Und so tippte ich ein paar Zeilen in eine E-Mail und kündigte.

Nun sind vier Monate vergangen. Wie geht es mir heute? Wie denke ich nun über alles? Bereue ich meine Entscheidung?
Ich kann die letzte Frage von ganzem Herzen mit einem NEIN! beantworten. Diese Entscheidung habe ich in keiner einzigen Sekunde bereut. Ich habe die vergangenen Monate dazu genutzt, um alles ein wenig Revue passieren zu lassen und nun blicke ich mit etwas Abstand auf die Zeit zurück. Ich möchte nun erörtern, welche Vor- und welche Nachteile ich für mich persönlich herausfiltern konnte.
Vorab sei gesagt, dass ich niemanden persönlich angreifen möchte. Ich sage nicht, dass jeder sich auf diese Art verhalten hat bzw. in dieser Branche verhält, wie von mir beschrieben oder dass es bei jedem so verlaufen wird. Zu dem möchte ich meine und die Erfahrungen meiner Kunden mit den Produkten auch keinesfalls verallgemeinern. Es sind nicht repräsentative, empirische Werte. Ich möchte nur meine Erfahrungen ganz ehrlich mit euch teilen.

Zunächst komme ich zu den positiven Dingen.
Den Grundgedanken der gesunden Ernährung und des Sports finde ich klasse. Außerdem habe ich in der Zeit viele neue Menschen kennengelernt, mit denen ich tolle Momente erlebt habe. (Wie das Verhältnis zu ihnen heute ist, erkläre ich am Ende des Beitrags). Da ich sie zum Teil auch besucht habe, bin ich außerdem sehr viel gereist. Zu dem wurden uns viele Bücher zur Persönlichkeitsentwicklung empfohlen, wodurch zum einen das Lesen gefördert wurde und wir zum anderen gelernt haben, mit geschäftlichen Niederlagen umzugehen und positiv zu denken. Ebenfalls muss ich ehrlich sagen, dass ich in dieser Zeit gelernt habe, was es wirklich heißt, hart zu arbeiten und dass sich dies auch oftmals lohnt. Ich habe zeitweise viel Erfolg gehabt, da ich über mehrere Monate den ganzen Tag nichts anderes getan habe.

Und damit kommen wir zu den negativen Punkten.
Die Tätigkeit wird als Nebenjob angepriesen. Meinen Erfahrungen nach ist sie als solcher allerdings vollkommen ungeeignet, wenn man es wirklich ernst nimmt („Wenn du viel tust, erreichst du auch viel.“). Soweit ich es bei vielen mitbekommen habe, leiden die Schule, das Studium, die Ausbildung oder auch die feste Arbeitsstelle sehr unter dieser „Nebentätigkeit“. Dazu kamen bei mir auch noch körperliche Beschwerden, wie Kopfschmerzen zweimal wöchentlich mindestens aufgrund von Verspannungen und auch mehrere Sehnenscheidenentzündungen durch das Halten des Handys.
Ich habe einige Freunde verloren, da sie sich von mir abgewendet haben, nachdem ich diese Tätigkeit angefangen hatte und nun auch mehr oder weniger auf die Jagd ihrer Freunde auf Facebook ging. Ob dies nun “wahre” Freunde waren, darüber lässt sich streiten. Zumindest waren sie es früher immer für mich und nun fehlen sie mir an einigen Tagen schon.
Außerdem muss ich ehrlich sagen, dass ich selbst nie Erfolg mit den Produkten hatte. Das heißt, ich habe auch nach mehreren längeren Versuchen nicht abgenommen. Vielen meiner Kunden ging dies genauso. Zu dem hatte ich auch das Gefühl, dass es bei vielen aus dem Team nicht das erhoffte Ziel gebracht hat. Einige der vorgestellten Vorher-Nachher-Bilder hatten ebenfalls keinen Zusammenhang mit unserem Programm. So wirklich bewusst wurde mir das alles aber erst, als ich während der Sperrung darüber nachdenken konnte. Es mag sich komisch anhören, aber ich war wirklich über mehrere Monate wie in einem Tunnel und habe die meisten anderen Dinge, die nicht meinen Umsatz betrafen, gar nicht wahrgenommen. Plötzlich war ich wie die anderen geworden. Scheuklappenblick und nichts hinterfragend bewaffnet mit der Einwandsbehandlung.
Was mich jedoch schon immer stutzig gemacht hat, ist, dass alle, die zum Beispiel abnehmen wollten die gleichen Pläne bekommen haben. Egal, ob Mann oder Frau, Anfänger oder Fortgeschrittener, mit einem leichten oder schweren Übergewicht. Individuell wäre es allerdings auch sehr schwierig, da meiner Meinung nach der überwiegende Teil der „Coaches“, die dich durch deine Challenge begleiten, im besten Falle ein angelesenes Halbwissen besitzen oder nur nach eigenen Erfahrungen beraten. Manchmal wird sogar genau darauf hingewiesen. Da man ja nach den eigenen Erfolgen nun wisse, wie einfach es ginge, genüge es, diese Erfahrungen weiterzugeben.
Nun komme ich zu dem Marketingkonzept und den Strategien dahinter. Ich habe kein BWL studiert und vermute trotzdem einfach mal, dass die meisten Vorgehensweisen auch im „klassischen“ Marketing durchaus vorkommen. Ich kann aber hier nur von denen sprechen, die ich beim Network Marketing kennengelernt habe.
Einige davon waren Textbausteine für eine schnellere Beantwortung der Nachrichten, fremde Leute hinzufügen und auf eine indirekte Weise anschreiben, Sprachnachrichten verwenden, da man mit der Stimme psychologisch mehr erzeugen kann und bloß immer und immer wieder nachhaken.
Die Bezahlung erfolgt alleine durch Provisionen, die man durch verkaufte Produkte generiert. Auf mich hat das immer einen sehr großen Druck ausgeübt, wobei ich nebenbei ein festes Gehalt durch meine Ausbildung bekommen und noch zu Hause gewohnt habe. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass es noch viel schwieriger für Leute ist, die dies als einziges Einkommen haben und ihre Miete, Nebenkosten und sonstige Rechnungen davon bezahlen müssen. Diese Form der Bezahlung und auch die Tätigkeit selbst als einzige Lebensgrundlage zu haben, war für mich ehrlich gesagt auch nie eine Option. Für viele ist es so allerdings. Kein Wunder – die mögliche Zukunft wird ja auch täglich immer wieder angepriesen. Schade finde ich, dass dabei oftmals der Blickpunkt auf dem Materialismus liegt: „Willst du auch mit Anfang 20 einen Mercedes fahren?” Die Autos sind geleast, aber das ist ja nicht so erwähnenswert. Und wenn dann doch mal nachgefragt wird: “Na klar. Ich möchte ja in 1-2 Jahren nicht mehr das gleiche Auto haben. Bis dahin fahre ich Porsche!“. Wenn ich mir heute die Posts meiner früheren Kollegen ansehe, kann ich nahezu immer nur mit dem Kopf schütteln. Auf Social Media wird übertrieben dargestellt, wie toll alles ist und wie lieb sich alle haben. Klar, alle sind deine Freunde – solange du mitmachst. Es wird ganz gezielt auf der emotionalen Ebene gearbeitet: Familie, Freunde, Mobbing, wenig Geld, schlechte Schulausbildung – alle finden sich irgendwo wieder und vom Team bekommst du Anerkennung, Lob und ein Gruppengefühl – solange du mitmachst.
Genau das Gleiche nur zusammengefasst auf zwei Tage in einem dunklen Saal bieten die Conventions – Events auf denen alle Vertreter der Firma zusammenkommen. Es gibt Vorträge und Geschichten über positive Werdegänge innerhalb der Firma, wodurch wieder die Emotionen gezielt angesprochen werden. Ich war auf zwei Conventions. Ja, ich hatte durchaus Spaß. Doch muss ich auch sagen, dass ich immer auch ein Gefühl von einer Gehirnwäsche hatte. Alle tanzen zu fröhlicher Musik, alle sind gut drauf, alle umarmen sich, alle sind Freunde. Auf diesen Veranstaltungen hatte ich zum Beispiel öfter diese „Was mache ich hier eigentlich?“-Momente. Ich hatte aber das Gefühl, dass es nur mir so geht.
Viele denken in schwarz und weiß. Wer das Business nicht machen möchte, habe keine Ahnung. Genau das Gleiche gilt auch für die Familie oder Freunde: Wer etwas Negatives oder Bedenken äußert, habe in deinem Leben keinen Platz verdient. Schließlich hättest du doch endlich deinen Weg gefunden. Im Kopf hinterfrage ich dies allerdings oft: Wenn alle meine engsten Freunde und Familienmitglieder, mit denen ich sonst nahezu immer gleicher Meinung bin, komplett anders denken, ist es dann wirklich das Richtige für mich?
Ich kann auch ehrlich sagen, dass ich einige der angepriesenen Marketingstrategien selbst nie angewendet habe, da ich mich teilweise dann doch zu dreist oder falsch dabei gefühlt habe, wenn ich einer Studentin erzählen sollte, dass sie sich das größte Paket für fast 300€ im Monat leisten könne. Für mich war es aber auch oftmals schwierig, das Businesskonzept zu „verkaufen“, wenn jemand mir deutlich zu verstehen gab, dass er es nur als Nebenjob machen möchte, da ich wusste, dass es keiner ist.
Zu guter Letzt möchte ich nicht vergessen zu erzählen, dass ich von allen aus unserem Team und den dazu gewonnenen „Freunden“ noch zu mehr oder weniger zwei Leuten Kontakt habe. Ich möchte betonen, dass ich sehr froh bin, die beiden kennengelernt zu haben und die Beschreibungen beziehen sich auch nicht auf sie. Doch alle anderen haben sich sang- und klanglos von mir abgewendet und sich seitdem nie wieder gemeldet. Da ich eine ähnliche Erfahrung schon einmal mit einigen Freunden machen musste, fällt es mir leichter, mit den nun Verlorenen abzuschließen und mir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wieso weshalb warum oder ob ich mich nicht doch noch einmal melden soll. Es ist eben nur alles schön solange du mitmachst.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich viele Erfahrungen aus diesem Jahr im Network Marketing mitnehmen kann. Ich möchte nicht verleugnen, dass ich Spaß und auch Erfolg hatte. Allerdings muss ich sagen, dass ich sehr zufrieden bin, dass ich nun ausgestiegen bin. Alles hört sich schön an: „Von überall aus arbeiten“. Aber will ich das wirklich? Die permanente Erreichbarkeit, hunderte Nachrichten am Tag, die ich gezwungener Maßen mehrmals abarbeiten muss, da es sonst noch mehr würden. Stress, Übermüdung und Kopfschmerzen, „weil es eben so ist, wenn du Erfolg haben möchtest“?
Da sage ich ganz klar, dass ich  Erfolg für mich anders definiere.

 

 

¹http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/12086/multi-level-marketing-v6.html

6 Antworten auf „Scheuklappenblick oder Solange du mitmachst – Mein Jahr im Network Marketing “

  1. Du weißt, wie skeptisch ich und andere in unserem gemeinsamen Umfeld gegenüber dieser Tätigkeit in einer höchst dubiosen Branche gewesen sind. Wir haben uns auch alle Sorgen gemacht, wo das hinführen könnte. Dass Du da in einen Tunnel geraten warst, war klar. Aber ich – wir – habe auch immer gewusst, dass Du eine intelligente, reflektierende junge Frau mit großen seelischen und kognitiven Fähigkeiten bist, die auch von einem Irrweg zurück findet. Dass dies über eine solch üble Erfahrung geschah, ist traurig, aber am Ende wird ja alles gut. Du wirst immer Deinen Weg gehen. Die anderen auch. Ob es ein guter sein wird? Bei Dir sind wir sicher! Und dies war ein offener, sehr gut geschriebener Bericht zu Deinen Erfahrungen in der Disney-Welt der Hustler, Pfuscher und Phisher…

  2. Ein sehr ehrlicher ,aufschlussreicher Artikel, den ich mit großem Interesse gelesen habe. Das macht mich neugierig auf weiteres. Gut gemacht Bella!💟👍

  3. Klasse, dass du den Absprung gefunden hast. Ich hatte das Gefühl, dass man dich ausnutzt. Hoffentlich hat dein Werber nicht zu viel an dir verdient.

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