„Reisen ist das beste Heilmittel gegen Liebeskummer“

Kurz bevor meine Reise anstand, habe ich diesen Satz gelesen. Ich weiß es noch ganz genau. Ich saß auf meinem Bett, hielt für einen Moment inne und wünschte mir, dass sich genau das auch für mich bewahrheiten würde.  

 

Einige Wochen später saß ich dann im Flugzeug und war gespannt, was mich erwarten wird. Den Satz hatte ich inzwischen jedoch wieder vergessen, da der Liebeskummer verschwunden war. Es schien doch nochmal etwas zu werden mit uns. Ich konnte es selbst kaum glauben und war unglaublich glücklich, als du mir kurz bevor der Flieger abhob durch den Hörer meines Handys noch einen guten Flug wünschst. Ich habe das Gefühl, in die falsche Richtung zu fliegen, denn ich möchte nur zu dir. Ich blicke gedankenverloren auf die Wolkendecke. Dass sich in den letzten Wochen alles nochmal so sehr gewendet hatte – unglaublich. Und doch wusste ich es die ganze Zeit. Ich wusste die ganze Zeit, dass du der Richtige bist und dass wir zusammen gehören. Alle hatten mich für verrückt gehalten, doch ich war mir sicher. Und nun sollte ich Recht behalten.

Die ersten Tage meiner Reise waren daher auch etwas schwer für mich. Es war ungewohnt, ganz alleine in einer fremden Stadt zu sein und obendrein noch zu wissen, dass wir uns erst in zwei Monaten wiedersehen werden. Die neuen Leute, die ich kennenlernte waren wirklich wunderbar. Sie waren alle so offen und locker. Und so genoss ich meine Zeit von der ersten Minute an.
Und doch war das Highlight des Tages, mit dir bei FaceTime reden zu können. Mehrmals am Tag. Stundenlang. Wie am Anfang.
Doch was war das nun mit uns? Würden wir doch wieder zusammen kommen? Was wolltest du bloß? Die Gewissheit fehlte noch immer. 

Und dann – eine Woche später – traf diese mich. Unerwartet und mal wieder direkt ins Herz. Du wolltest definitiv keine Beziehung haben.
Punkt. Aus. Ende. Seifenblase erneut geplatzt. Herz schon wieder gebrochen.

Und da saß ich nun. Alleine in einer immer noch sehr fremden Stadt. Und wenn ich alleine sage, meine ich es auch. Ich fühlte mich schrecklich einsam und verloren. Wie sollte ich denn nun hier einfach so weiter machen?
Dieses Gefühl kannte ich bereits aus den vergangenen Monaten. Doch dieses Mal war es anders. Wieso? Weil ich Gewissheit hatte. Die Gewissheit vor der ich mich immer gefürchtet hatte. Ich wollte es lieber so aushalten, als eine klare Antwort zu haben. Aber nun war sie da. Sie war zwar hart und genau das Gegenteil von dem, was ich wollte, doch sie war da. Und das veränderte alles. Ich konnte nicht im Bett liegen, deine Playlist hören und traurig sein. Ich hatte einen geregelten Alltag und ein Ziel. Endlich einmal etwas für mich tun ohne dabei immer wieder Einschränkungen zu machen, da ich Rücksicht auf deine Pläne nehmen wollte. Ich konnte meine Lieblingssprache sprechen und wurde immer besser, umgeben von meinem geliebten Meer und unglaublichen Menschen. Wir lachten, aßen gutes Essen und genossen die spanischen Parties nahezu an jedem Abend.
Und so ging es mir von Tag zu Tag besser. Es überraschte mich selbst, doch ich war glücklich. Ich fühlte mich so frei und unbeschwert wie noch nie. Genau richtig an genau diesem Ort. Und so ging es die nächsten drei Wochen weiter. Du hattest dich in der Zeit mehrmals gemeldet. Du sagtest mir, dass du keine Beziehung haben möchtest, doch dass du mich vermissen und an mich denken würdest. Und wie ging es mir dabei, so etwas zu hören? Gut. Wirklich. Ich war so erfüllt von Stärke und Zufriedenheit, dass mich das nicht mehr berührte. Und das sei schließlich doch auch genau das Richtige. „Gut, dass du endlich so fühlst.“ „Du hast etwas viel Besseres verdient!“ bestätigten mir meine Freunde immer wieder.

Und dann war es plötzlich schon der 10. März. Es waren sechs Wochen vergangen und ich musste zurück nach Hause fliegen. Sehr wehmütig stieg ich ins Flugzeug. „Die Leute, der Lebensstil und das Meer werden mir fehlen“, dachte ich.
Und so sitze ich nun wieder hier. Der Beginn meines Studiums und auch der damit verbundene Umzug stehen unmittelbar bevor. Sechs Wochen später sitze ich wieder hier. Sechs Wochen später sitze ich wieder hier und gestehe mir ein, dass es natürlich eine wirklich tolle Zeit war, doch verändert hatte sich nichts. Sechs Wochen später sitze ich wieder hier und meine Gedanken drehen sich wieder nur um eins: dich.
Ich erinnere mich plötzlich an diesen Satz, den ich vor zwei Monaten gelesen hatte:

„Reisen ist das beste Heilmittel gegen Liebeskummer.“

Ich muss für einen Moment mild grinsen. Ja! Es stimmt. Reisen hilft wirklich gegen Liebeskummer. Und vor allem, wenn du alleine unterwegs bist. Du lernst viele neue Leute kennen und erlebst womöglich die verrücktesten Dinge. Du fühlst dich frei, unbeschwert und glücklich. Und da halte ich inne. Du fühlst dich frei, unbeschwert und glücklich? Oder bist du einfach nur ordentlich abgelenkt? Das Reisen mag gegen den Liebeskummer helfen, doch was passiert, wenn du wieder nach Hause kommst? Danach fragt niemand. Dein Kopf enthält unzählige Erinnerungen und dein Telefon viele neue Nummern. Doch dann bist du wieder an dem gleichen Ort wie zuvor. Diese Reise tat dir gut, aber war sie vielleicht einfach eine Flucht? Eine Flucht vor all dem, was dich hier belastet hat. Eine Flucht vor deinen Gefühlen. Eine Flucht vor einer ordentlichen Verarbeitung. Und schließlich eine Flucht von der du einige Zeit später wieder zurückkehrst und naiv erwartest, dass sich der Ort, vor dem du geflüchtet warst, sich verändert hätte.
Was ist nun das Heilmittel? Wieder den Koffer packen? 

Fotos: Denny Merano

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