Der Kampf um den Hambacher Forst – ein Rückblick auf 2018

Merzenich/Kerpen | Roden, um Kohle zu gewinnen – der Tagebau am Hambacher Forst sorgt schon seit Jahren für Diskussionen. Trotz mehrfacher Räumungen besetzten Umweltaktivisten den Wald immer wieder. Im August 2018 wurde der Konflikt zwischen dem Energiekonzern RWE und den Umweltaktivisten neu befeuert und die Lage eskalierte. Ein Rückblick auf die zentralen Ereignisse und die Entwicklung ihrer medialen Berichterstattung.

Seit 1978 baut der Energiekonzern RWE Braunkohle am Hambacher Tagebau ab. (Foto: pixabay.com)

Der Konflikt zwischen RWE und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, kurz BUND, spitzte sich Ende August zu. Die Medien berichteten von einem Brief, den RWE an die Kohlekommission und die Politik schickte und darin begründete, wieso sie Anfang Oktober weiter roden möchten. RWE hat die Rodungen als notwendig angesehen, um die Stromversorgung Nordrhein-Westfalens weiterhin sichern zu können. Der BUND forderte daraufhin in einem offenen Brief, dass die Rodungen ausgesetzt werden sollten, bis die Kohlekommission die Bedingungen für den Kohleausstieg festgelegt habe. 
Auf den sozialen Netzwerken gab es zu dieser Zeit noch wenig Resonanz zu dem Thema. Unter geteilten Artikeln haben sich nur vereinzelt Nutzer gegen RWE und für den Umweltschutz ausgesprochen. Die Bewegung „Hambi Bleibt“ hat über die sozialen Netzwerke zu der Zeit um Unterstützung gebeten: „Come & Support!!!“.

Gewalt gegen die Polizei

Einige Tage später berichteten dann zahlreiche Medien darüber, dass die Aktivisten sich mit Gewalt gegen die Polizei wehren würden. Die Aachener Zeitung titelte beispielsweise: „Steine und Molotowcocktails: Sieben Polizisten im Hambacher Forst verletzt“. In dem Artikel wurden mehrere Angriffe auf die Polizei aufgeführt. Der Polizeipräsident von Aachen Dirk Weinspach, Bundesumweltministerin Svenja Schulze und ein Umweltschützer von Greenpeace wurden zitiert und sprachen sich gegen die Gewalt aus. Inzwischen wurden immer mehr Artikel zu dem Konflikt am Hambacher Forst veröffentlicht. Der Kölner Stadtanzeiger hat zum Beispiel von Januar bis August ungefähr 30 Artikel zu dem Thema publiziert. Allein im August waren es dann um die 40 Artikel. Die Verschärfung des Konfliktes zeigte sich zu der Zeit also auch in der medialen Berichterstattung. 
Bei Twitter scheint das Thema nun auch viel stärker wahrgenommen worden zu sein, da immer mehr Nutzer die Beiträge kommentierten. Svenja Schulze forderte auch bei Twitter gewaltfreie Proteste. Die Nutzer äußerten in den Kommentaren daraufhin eine deutliche Kritik an RWE und der Politik und verteidigten fast ausschließlich die Aktivisten. „Hier wird eindeutig die Rolle von Opfer und Täter verdreht. Wir müssen bedenken, dass das wahre Opfer weder RWE oder die Polizei ist, sondern die Tierarten, die in dem Hambacher Forst wohnen, sowie das Klima, das eine Auswirkung auf die gesamte Umwelt hat.“. Viele Nutzer zeigen sich aber auch bestürzt: „Wann hört der Wahnsinn mit der Gewalt gegen Polizistinnen u Polizisten endlich auf! Protest ja, Gewalt nein!“.

13. September 2018: Beginn der Räumung

Die Lage verschärfte sich am 13. September. Das Bauministerium von NRW hatte die Stadt Kerpen aufgefordert, die Baumhäuser im Hambacher Forst zu räumen. Als Begründung wurde ein unzureichender Brandschutz genannt. Der Tag wurde von den Medien sehr ausführlich mitverfolgt. Der Kölner Stadtanzeiger veröffentlichte online nur an diesem Tag über 20 Artikel. Etwas plakativ bezeichnete die NRZ die Baumhäuser als „Widerstandsnester“. In mehreren Artikeln hätte der Eindruck entstehen können, dass die Polizei als „Opfer“ dargestellt werden sollte: „Der schwere Weg der Polizei“ titelte beispielsweise die Rheinische Post. Schilderungen über den Protest der letzten Wochen bezogen sich überwiegend nur auf sehr extreme Beispiele wie Steinwürfe der im Wald lebenden Aktivisten. Zahlreiche Artikel wurden sehr beschreibend verfasst und enthielten Äußerungen wie „Einige Konstruktionen sind notdürftig zusammengezimmert, andere über Jahre zu Pippi-Langstrumpf-haften Kinderträumen gewachsen, samt Wlan, Strom und Satellitenanschluss.“ oder „(…) dann wird sie lehmverschmiert davongetragen, ihre Knie schleifen über den Boden.“ Dadurch könnte der Gedanke aufkommen, dass sich die Medien die Situation zunutze gemacht haben, um den medialen Hype weiter zu befeuern und die Aufmerksamkeit der Leser zu erregen.
Auf den sozialen Netzwerken kursierte zu der Zeit ein Video der Seite „Soli für Hambi“, das die Rede einer Aktivistin zeigt. Sie erzählt sichtlich mitgenommen von der Räumung ihres Baumhauses. Auf Facebook wurde es innerhalb weniger Tage über zwei Millionen Mal angesehen. In die Richtung zweier Polizeibeamte sagt sie: „Sie denken wahrscheinlich, sie hätten gewonnen. Aber das können sie nicht, weil sie den Wald und diese Erde genau so brauchen.“. In den Kommentaren reagierten die Nutzer unterschiedlich – einige kritisierten ihre Einstellung oder machten sich über sie lustig, andere unterstützten und lobten sie. Darüberhinaus kam es auf Twitter währenddessen zu immer mehr Kommentaren. Die Nutzer teilten in hunderten Kommentaren ihre ganz unterschiedlichen Meinungen. Somit kam es zum Beispiel bezogen auf Berichte über die Gewalt gegen die Polizei zu Kommentaren wie: „VERSTÄNDNIS UND SYMPATHIE FÜR DIE UMWELTSCHÜTZER: JA ! KEIN VERSTÄNDNIS FÜR DEN ANGRIFF AUF POLIZISTEN“. Zu lesen war aber auch: „Augen auf bei der Berufswahl. Mir kommen fast die Tränen. Die armen bewaffneten Polizisten. Lächerlich.“ Parallel zu den Entwicklungen im Wald, gewann das Thema also auch auf den sozialen Netzwerken immer mehr an Aufmerksamkeit.

Mehrere Tausend Demonstranten am Hambacher Forst

Doch nicht nur online, sondern auch vor Ort wurde dann deutlich, was die hohe mediale Präsenz ausgelöst hatte. Immer mehr Menschen kamen sonntags zu den „Waldspaziergang“ genannten Demonstrationen zum Hambacher Forst, um dort zu protestieren. Spiegel Online berichtete über diese: „Hunderte Autos aus zahlreichen Städten säumten die Wege, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur dpa berichtete.“. Es überwogen jedoch die Artikel, die die Räumung des Waldes darstellten.
Bei Twitter lösten die Medienberichte erneut unterschiedliche Reaktionen aus:„Ökofaschisten, die Polizisten angreifen und deren Tod in Kauf nehmen. Tausende“. Im Gegensatz dazu aber auch: „Bäume zu fällen ist meistens ziemlich unsinnig, aber um Kohle abzubauen ist es obszön….“

19. September: Tod des Journalisten

Am 19. September ist ein junger Journalist tödlich verunglückt, nachdem er aus 15 Meter Höhe von einer Hängebrücke im Wald stürzte. Der Journalist hatte das Leben der Aktivisten im Wald über eine längere Zeit dokumentiert. Zahlreiche Medien berichteten online über das Unglück. NRW-Innenminister Herbert Reul hatte die Räumungen daraufhin erst einmal stoppen lassen. In einem Interview mit dem WDR sagte er, dass die Aufmerksamkeit nun den Angehörigen zustände und er hoffe, dass die Aktivisten die Baumhäuser freiwillig verlassen. Nach einer kritischen Äußerung der Journalistin, kritisierte er die zunehmend extremer werdende Berichterstattung. Zahlreiche Medien bezeichneten das Unglück als Wendepunkt für den Konflikt. Alle Beteiligten könnten nochmal in sich gehen, so hieß es in einem Bericht auf der Internetseite des WDR.
Auf Twitter und Facebook kam es unter den geteilten Online-Artikeln zu hunderten Kommentaren. „Der tragische Unfall eines Kollegen sollte doch jetzt endgültig gezeigt haben, dass die Räumungsaktion völlig aus dem Ruder läuft.“. Neben Beileidsbekundungen, waren aber viele Kommentare überwiegend scharf formuliert. Die Nutzer kritisierten das Verhalten aller Beteiligten und gaben die Schuld an dem Unglück teilweise den Aktivisten, aber auch der Polizei und zum Teil sogar dem Journalisten selbst. Dabei kam es auch unter einander in den Kommentaren zu Diskussionen: “In einer Disziplin waren Linksextremisten schon immer perfide gut: Polizei die Schuld zuschieben“.

Hambi bleibt – erst mal

Am 5. Oktober veranlasste das Oberverwaltungsgericht Münster einen vorläufigen Rodungsstopp. RWE habe nicht ausreichend belegen können, dass die Rodungen für eine Versorgungssicherheit notwendig sind. In Onlineartikeln wurden überwiegend Braunkohlegegner zitiert. Spiegel Online beispielsweise nannte Aussagen des BUND oder von Greenpeace, die ihre Freude über das Urteil ausdrückten. Weitere Artikel stellten dar, dass die Rodung sich durch das Urteil um mindestens ein Jahr verzögern dürfte. Das ausstehende Urteil des Verwaltungsgerichts Köln würde nicht vor dem Frühjahr 2019 erwartet, die Rodungssaison ginge von Oktober bis März. Eine mögliche Fortsetzung der Rodungen sei daher erst im Oktober 2019 möglich. Insgesamt wurde deutlich, dass die Medien die Entscheidung nutzten, um eine Bilanz aus den Ereignissen zu ziehen. Der Spiegel titelte „Eine Niederlage für RWE, eine Blamage für NRW“, das Handelsblatt: „Die Bechsteinfledermaus – dieses Tier hat fast eine Milliarde Euro Börsenwert vernichtet“. 
Sehr auffällig war, dass die Reaktionen auf den sozialen Netzwerken überwiegend positiv waren. Viele Braunkohlegegner drückten ihre Freude aus und es entstand der Eindruck, als sei die angespannte Stimmung, die sich auch online in den letzten Wochen verschärfte hatte, weniger geworden. Neben der Freude äußerten auch viele Nutzer die Hoffnung, dass die Rodungen endgültig gestoppt werden: „Super! Hoffentlich kommt es zum endgültigen Stop!“.

Braunkohlegegner feiern das Urteil

Am Tag nach dem Urteil feierten laut Veranstalter 50.000 Menschen am Hambacher Forst den Rodungsstopp und demonstrierten gleichzeitig für den Kohleausstieg. Über die Veranstaltung wurde zahlreich und auffallend ausführlich berichtet. Die Artikel beschrieben die Stimmung als gelöst und erzählten in Reportagen von der Großdemonstration: „Tausende tanzen und genießen einen sonnigen Tag.“ und „Gute Laune, Rockmusik und Öko-Pizza.“.
Bei Twitter lösten die Berichte über die Großdemonstration erneut viele Kommentare aus: „Danke für euer aller Engagement! Ihr seid großartig!“ oder „Liebe Kohlebefürworter: Nicht alle Kohlegegner waren vor Ort. Wir sind viel mehr. Und wir haben die besseren Argumente. Kohle ist die Energie der Vergangenheit. Es ist Zeit für die Zukunft. Liebe Demonstranten: Danke an euch alle, die ihr vor Ort wart!“. Die Bewegung „Hambi Bleibt“ twitterte: „Was für ein Tag! Auch wenn du morgen noch den Ohrwurm „Hambi bleibt!“ has(s)t, denk dran: „der Kampf geht weiter!“ Bleibt widerständig, und komm wieder in den #HambacherForst“.“.

„Hambi Bleibt“ und „Fridays For Future“

Ob der Hambacher Forst nun gerodet werden darf muss jetzt das Verwaltungsgericht Köln entscheiden. Die Rodung ist bis dahin gestoppt. Der Protest geht aber weiter. Die Aktivisten haben wieder neue Baumhäuser gebaut und nach wie vor sprechen sich viele Menschen online und vor Ort für den Wald aus. Er ist längst zum Symbol für den Kampf gegen die Kohle geworden. Inzwischen ist eine weitere Bewegung immer größer geworden – „Fridays For Future“. Weltweit haben ihr sich Tausende Schüler und Schülerinnen angeschlossen, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren, statt in die Schule zu gehen. Das Vorbild der Bewegung ist die 16-Jährige Greta Thunberg, die seit Monaten freitags die Schule bestreikt, um sich für die Umwelt auszusprechen. Sie widmete ihre im März gewonnene Goldene Kamera als Sonderpreis für Klimaschutz den Aktivisten des Hambacher Forstes. Es engagieren sich außerdem viele junge Leute für den Wald. Es könnte also der Gedanke aufkommen, dass die „Hambi Bleibt“-Bewegung einen Einfluss auf die „Fridays For Future“-Bewegung hat. 
Juli ist im Organisationsteam von „Fridays For Future Duisburg“. Sie sagt im Interview: „Zu jederDemo kommen auch Demonstranten vom Hambi und er spielt auf den Demos eine Rolle. Wir benutzen auch Hambisprüche, weil er ja viel mit dem Thema Klimaschutz zu tun hat. Aber die Bewegung hat sich nicht dadurch geformt. Die meisten erleben ihre erste Demo bei uns von „Fridays For Future“. Das sind eben vor allem auch die jungen Schüler und Schülerinnen.“. Sie teilt die Meinung, dass der „Hambi“ eher weniger Einfluss auf die Bewegung hat, sondern die meisten sich über Mundpropaganda in der Schule und die Berichterstattung über die Schulstreiks zusammengefunden haben. Eine weitere junge Frau, die gerne anonym bleiben möchte, war zu einem Waldspaziergang und zu der Großdemonstration im Hambacher Forst. Eine Demonstration von „Fridays For Future“ hat sie einmal miterlebt. Sie äußert im Interview: “Für viele ist der Hambacher Forst ein Symbol des Widerstands geworden, gegen solche Firmen und solche Umweltverbrechen. Ich glaube aber, dass die „Fridays For Future“-Bewegung nochmal eine ganz eigene Geschichte ist, gerade weil hauptsächlich Schüler dort sind. Als ich jetzt im Hambacher Forst war, ist mir nicht aufgefallen, dass eine Altersgruppe besonders viel vertreten war. Aber bei den „Fridays For Future“-Demos sind es Schüler und deren Vorbild ist Greta Thunberg. Ich denke, dass es zwei verschiedene Bewegungen sind, die nicht unbedingt das gleiche Ziel haben. Der Hambacher Forst als Symbol für den Kampf gegen eine Firma wie RWE und „Fridays For Future“ als direkter Appell an die Politik, etwas zu ändern und Klimaziele aufzustellen und diese auch wirklich zu verwirklichen, in möglichst kurzer Zeit.“. Michèle ist eine Schülerin aus Duisburg, die gemeinsam mit mehreren Klassen und Lehrern ihrer Schule auf einer „Fridays For Future“- Demonstration war. Sie erzählt im Interview, wie sie auf die Bewegung aufmerksam wurde: „Meine Schule informiert auch außerhalb der Lehrpläne über das Thema Umwelt. Ich würde nicht sagen, dass der Hambacher Forst der entscheidende Faktor für mich war, aber durch die Nachrichten über ihn ist das ganze Thema mehr in mein Bewusstsein gekommen.“.

Es gibt also unterschiedliche Meinungen darüber, ob oder inwieweit ein Zusammenhang besteht. Fest steht: Beide Bewegungen kämpfen auf ihre Weise für den Umweltschutz und denken nicht daran, damit aufzuhören.

(Bemerkung: Der Artikel wurde bereits im Februar 2019 verfasst. Mögliche Entwicklungen seitdem sind daher nicht berücksichtigt worden).


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